League of Legends ist heute eine der größten Marken der Gaming-Welt, bekannt durch Millionen von Spielern, Turniere und einen riesigen Champion-Pool. Doch die ersten Schritte von Riot Games auf dem Weg zu diesem Erfolg deuteten auf ein ganz anderes Spiel hin. Eine alte Investorenpräsentation, die der YouTube-Content-Ersteller Necrit und Riot-Veteran Paul „Pabro“ Bellezza ans Licht brachten, zeigt die Ära, in der das Spiel den Namen Onslaught: War of the Immortals trug, in allen Details. Diese Präsentation zeigt, dass League of Legends nicht nur einen Namenswechsel durchlief, sondern sich von einer völlig anderen Designphilosophie zu seiner heutigen Struktur entwickelte.
Eine Legende aus einer Investorenpräsentation
Necrit erklärt im Video, dass er Riot gebeten habe, „die ursprünglichste Form von League of Legends zu sehen“, und dass das Unternehmen daraufhin eine alte Investorenpräsentation mit ihm teilte. Diese Präsentation enthält Videomaterial aus der frühen Entwicklungsphase, Designdokumente mehrerer Champions, Notizen zur Story des Universums sowie Screenshots. Einige zuvor durchgesickerte Bilder deuteten diese Ära bereits an, doch dieses umfassende Archiv bestätigt nun erstmals viele unbekannte Aspekte des Spiels. Das sich zeigende Bild offenbart ein Werk, das vom heutigen League of Legends fast nicht wiederzuerkennen ist.
Einer der auffälligsten Aspekte dieser Präsentation ist, dass das Spiel auch mechanisch eine andere Vision verfolgte. Die Spieler konnten die „unsterblichen“ Charaktere, die ins Schlachtfeld ziehen sollten, selbst anpassen; zudem konnten sie diese Helden nur in bestimmten kritischen Momenten vorübergehend in den Kampf einbeziehen. Anders als die Champions des heutigen LoL, die man dauerhaft steuert, versprach dieses Design eine weitaus strategischere und auf Ressourcenmanagement basierende Erfahrung. Außerdem waren einige Helden nur der Seite der „Ordnung“ oder des „Chaos“ vorbehalten, und die Spieler schworen bereits zu Spielbeginn einem dieser beiden Kräfte die Treue. Diese Bindung war als Element konzipiert, das nicht nur die Geschichte, sondern direkt auch das Gameplay beeinflusst.

Ein Krieg in der Stadt: Chaos und Ordnung
Auch der Schauplatz des Spiels ist weit entfernt von der leeren Karte des heutigen Summoner's Rift. In der Onslaught-Ära fanden die Kämpfe in einer karikaturhaft gestalteten Stadtlandschaft statt, die zwischen den Sphären von „Ordnung“ und „Chaos“ aufgeteilt war. Dieses Leveldesign zeigt, dass das Spiel ursprünglich als deutlich storyorientierter geplant war. Das Gleichgewicht zwischen den beiden Seiten war der zentrale Konflikt des Spieluniversums, und die Entscheidungen der Spieler beeinflussten dieses Gleichgewicht direkt.
Das heute als „leere Fläche“ bezeichnete Summoner's Rift wurde im Laufe der Zeit an die Bedürfnisse des kompetitiven Spiels angepasst. Die Stadtkarte von Onslaught deutete dagegen auf eine visuell lebendigere und erzählerisch ambitioniertere Struktur hin. Die Möglichkeit der Nutzer, zwischen den Sphären zu wählen, verlieh dem Spiel ein Rollenspielelement, das die meisten heutigen MOBAs nicht besitzen. Das zeigt, wie sehr Riot das Gameplay über die Jahre vereinfacht hat.

Vertraute Namen, veränderte Gesichter
Auch wenn alles anders ist, sind in dieser alten Präsentation Spuren einiger Charaktere zu erkennen, die das Fundament von League of Legends bilden. Annie erscheint mit ihrem Flammen speienden Plüschbären, sieht aber optisch ganz anders aus als heute. Bei Sion sehen wir – wie der Autor es ausdrückt – „um Himmels willen einen Bart“. Diese primitiven Designs beweisen, dass die Identitäten der Charaktere tatsächlich einen sehr langen Entwicklungsprozess durchlaufen haben.
Ein weiterer Name, der ins Auge sticht, ist Xizun, der blinde Mönch, den wir heute als Lee Sin kennen. In der Präsentation wird seine passive Fähigkeit im englischen Original als „Built like a brick wall on roids“ beschrieben, also „zäh wie eine mit Steroiden behandelte Ziegelwand“. Außerdem ist Zij, der Vorfahre von Singed, mit einem fast unveränderten Aussehen auf der Liste. Solche kleinen Details zeigen, dass das Gerüst des Spiels tatsächlich früher Gestalt anzunehmen begann, als man annehmen würde. Auch die Namensänderungen waren Teil von Riots Marketing- und Markenstrategie.

Eine uralte Geschichte: Blutiges Logo und die Geburt des Chaos
Einer der interessantesten Teile der Präsentation ist das Story-Design des Spiels. Während es zwischen den beiden Seiten ein neutrales Gleichgewicht gibt, reißt die Geburt einer als „eine Art Antichrist“ beschriebenen Kreatur eine gewaltige Kluft in die Realität; das Chaos droht, die gesamte Existenz zu verschlingen. Diese düstere Erzählung passt zum gotischen und aggressiven Ton, der in der damaligen Spielwelt beliebt war. Außerdem wird im gesamten Video das Logo von Riot mit Blut bedeckt gezeigt; das fasst treffend zusammen, wie sehr die Präsentation nach „späten 2000ern“ aussieht.
Diese Herangehensweise an die Geschichte ist weit entfernt von dem farbenfroheren und vielfältigeren Universum, das League of Legends später übernehmen sollte. Die Spieler jener Zeit waren an Konzepte der „dunklen Fantasie“ durchaus gewöhnt; Riot nutzte diese Sprache, um Investoren zu beeindrucken. Doch je weiter sich das Spiel entwickelte, desto mehr wich dieser düstere Ton einer Erzählweise, die ein breiteres Publikum ansprach und mal komisch, mal episch war. Dennoch ist diese erste Präsentation sehr wertvoll, um die rebellische und grenzenlose Energie zu sehen, die am Ursprung des League-Universums stand.
Wie leben die Ideen von Onslaught heute weiter?
Einige Konzepte aus der Onslaught-Ära begegnen uns heute in anderer Form in League of Legends wieder. So lässt sich etwa der Treueschwur der Spieler auf eine Seite als früher Vorbote der heutigen regionalen Ligen und der Kultur der Team-Fangemeinde lesen. Andererseits könnte die Mechanik, in kritischen Momenten vorübergehend Helden herbeizurufen, spätere Versuche mit ähnlichen Ideen in einigen Spielmodi und in verschiedenen Systemen von League of Legends: Wild Rift inspiriert haben. Auch wenn Riot diese Mechaniken nicht eins zu eins übernommen hat, lässt sich sagen, dass solche Experimente in die DNA des Spiels eingegangen sind.
Darüber hinaus gibt diese alte Präsentation auch Einblick in die Investorensprache der Spielewelt Ende der 2000er-Jahre. Damals wurden düstere Geschichten, epische Schlachten und Erzählungen über „die alles vernichtende Bedrohung“ häufig genutzt, um zu vermitteln, dass ein Spiel ein großes Publikum erreichen würde. Onslaught passt genau in dieses Muster: eine antichrist-ähnliche Kreatur, blutige Logos und der uralte Krieg zwischen zwei Extremen. Heute werden diese Elemente subtiler eingesetzt, aber ihre Wurzeln lassen sich in solchen frühen Präsentationen finden.
Warum ist diese Entdeckung wichtig?
Solche Archivdokumente sind einzigartige Schlüssel zum Verständnis des heutigen Zustands eines Spiels. Die Dominanz von League of Legends im MOBA-Genre mag es wie ein statisches Produkt erscheinen lassen; doch diese Investorenpräsentation erinnert daran, wie sehr der Designprozess von Entdeckungen, Experimenten und Verwerfungen geprägt war. Sie ist zugleich ein schönes Beispiel für Riots Verständnis von Transparenz: Das Unternehmen scheut sich nicht, seine Unternehmensgeschichte mit Fans zu teilen.
Für die Spieler verleiht das den Debatten über das „klassische League of Legends“ eine neue Dimension. Viele vermissen die alten Karten und Champion-Designs; doch die Onslaught-Ära zeigt, dass wahre Klassik bedeutet, noch weiter zurückzugehen. Sions orangefarbener Bart, Xizuns Fähigkeiten und die Welt aus Chaos und Ordnung mögen heutigen Spielern recht fremd erscheinen. Dennoch sind diese primitiven Ideen nur einige der mutigen Schritte, die die Grundlage für den heutigen Erfolg von League of Legends bildeten.
Fazit: Es gibt noch mehr Tiefe auf dem Weg zur Klassik
Das von Necrit veröffentlichte Video ist eine wichtige Archivarbeit, die Licht auf die Geschichte von League of Legends wirft. Die Investorenpräsentation von Onslaught: War of the Immortals ist nicht nur für Nostalgiker lehrreich, sondern für alle, die sich für Spieldesign interessieren. Der Name, die visuelle Identität und die Geschichte eines Spiels mögen sich ändern; aber die Spuren guter Ideen zeigen sich immer irgendwo.
In den kommenden Jahren wird Riot wahrscheinlich weitere Dokumente aus seiner Vergangenheit teilen. Solche Inhalte erweitern das Wissen der Community über die Entwicklung des Spiels und ermöglichen dem Unternehmen zugleich eine aufrichtige Kommunikation. Vorläufig haben wir eine beeindruckende Zeitkapsel aus der wildesten und kreativsten Ära von League of Legends. Wo die wirklich „klassische“ Erfahrung beginnt und wo sie endet, ist dabei umstrittener denn je.